eigene Textbeispiele

Lyrik:

Prosa:

Fahrradfahrn

Großmutter war eine Zauberin. So weit ich denken kann, hat sie uns mit allem Lebensnotwendigen versorgt, egal wie schmal die Engpässe waren. Apfelsinen, die es immer nur auf Zuteilung gab, schienen sich auf dem Heimweg in ihrem Beutel zu vermehren, jedenfalls kam sie garantiert mit der doppelten Portion an. Ketschup, grüne Gurken im März, weißer Leinenstoff, gut riechende Seife, ein Besuch in ihrem kleinen Zimmer endete häufig mit der Bergung eines Schatzes.
Sie konnte sogar Gedanken lesen. Anders kann ich es mir nicht erklären, wie ich plötzlich ein paar Münzen in meiner Tasche fand, wenn ich grade klamm war. Zu meinem 17. Geburtstag wanderte eine Gitarre in mein Zimmer und wenn ich zur Disco ging, muss sie heimlich an der Uhr gedreht haben, denn nie bin ich zu spät nach Hause gekommen, obwohl ich schwören könnte, dass ich die Zeit dicke überzogen hatte.

Ich muss etwa zwölf gewesen sein, meine Großmutter ging noch in der Textilfabrik arbeiten. Sie hatte einen guten Draht zu ihren Kollegen. Die polnischen Frauen brachten häufig gesammelte Früchte ihrer Wälder mit: die Pilze brieten wir zum Abend und Blaubeeren gab es mit Hefeklößen. Noch heute erinnere ich mich an diesen bitteren Geschmack der Preiselbeeren, so einem, dem keine Konserven aus dem Supermarkt nahe kommen, eigentlich waren sie nur genießbar, wenn man sie in Milch gab, aber dann waren sie lecker und besonders gut waren sie bei Fieber und Erkältung.

Es gab einen Kollegen, Herrn Wittwer, von dem sie gern erzählte, weil er sehr lebenslustig war. Er wohnte in einem Häuschen in Holtendorf (Das hieß bei uns: Hultndurf). Obwohl wir inzwischen selbst einen Garten hatten, brachte sie sein Obst mit und erzählte dabei irgendeine lustige Story. Wir kannten schon sein ganzes Gut mit den Gänsen und den Stallungen, wo eigentlich nur noch Heu gelagert wurde und dass Herr Wittwer mindestens eine Tochter hatte, die allerdings schon wesentlich älter war. Und Kaninchen gab es da, hinten im Garten.
Eines Samstags sagte sie zu mir, kumm, wir fohrn heut zu Herrn Wittwor nach Hultndurf. Also rein in den Bus, es war ein sehr warmer Tag ich erinnere mich noch an die staubige Landstraße die wir entlang rumpelten und dass ich ziemlich durchgeschwitzt war, als wir endlich ankamen. Meine Oma zeigte schräg nach vorn, hier wohnt Herr Wittwor, da kam er uns auch schon entgegen, nahm meine Oma kurz in den Arm und schloss meine Hand in seine großen Pranken, so liefen wir in das Gehöft hinein, wo der Pflaumenkuchen noch dampfte, während wir es uns auf der Gartenbank bequem machten.
Mir schien das Anwesen riesig. Vorn das Haus mit dem Ausgang zur Straße, rechts und links standen langgebaute Schuppen, die früher einmal Stallungen gewesen sein müssen und in der Mitte des Hofes war ein riesengroßer Heustrohhaufen. Nach hinten aber war alles offen, bot sich ein Blick auf eine große Wiese mit vielen Obstbäumen, sattes Gras soweit das Auge reichte unter dem Schatten verschiedenster Fruchtäste: Äpfel, die langsam eine gelbe Farbe bekamen, Birnen, die noch ganz grün waren und die Pflaumen lagen bereits auf dem Gras und wollten aufgesammelt werden. Ein Sirren und Summen, auch die Bienen und Wespen hatten ihren Speiseplan auf die Pflaumen ausgerichtet und ich hatte wenig Lust, mich in ihre Gesellschaft zu begeben.
Aber das war auch nicht nötig, denn die Kinder, die glücklicherweise doch nicht alle älter waren, zerrten mich zu dem Kaninchenstall und zeigten mir ihre Zöglinge. Ich war beeindruckt von so viel Natur auf einmal. Dann aber holten sie ihre Fahrräder und begannen ihre Runden zu drehen. Wie gern hätte ich es ihnen nachgetan. Auf so einem Rad zu sitzen und durch die Lande zu jagen, muss herrlich sein! Los, willste ooch ma? Völlig ahnungslos boten sie mir einen Ritt auf ihren Stahlrössern an und wunderten sich, dass ich den Kopf schüttelte. Ich traute mich nicht zu sagen, dass ich einfach nicht fahren konnte, noch nie auf so einem Rad gesessen hatte.

Sag ma, fragte das eine Mädchen, warum willste denn nie? Kannste nie fohrn? Nu kummocke, ist doch ganz einfach. Und hielt mir ihr großes Damenfahrrad vor die Nase. Nu hab keene Angst, ich halt dich einfach feste. Da gab es wohl kein Zurück mehr. Ich schaute mich um: die anderen Kinder waren nicht mehr in Sichtweite und dieses Mädchen schien es wirklich ernst zu meinen. Also griff ich mutig in den Lenker und versuchte mich in den Sattel zu bugsieren. Das klappte irgendwann, nur dass ich dabei mit den Füßen in der Luft hing und wie ein nasser Sack das Lenkrad festhielt. Aber noch ehe ich etwas sagen konnte, fing das Mädchen an zu schieben und meine ganze Aufmerksamkeit galt dem Lenker, mit dem ich ja irgendwie die Richtung einhalten musste. - Hey, du musst gradeaus fohrn, nie in die Büsche, rief meine Anschieberin und ich bemühte mich wirklich, dem Folge zu leisten. Einige Zeit ging es im ZickZack durch den Garten, sie war wirklich sehr geduldig - und vor allem ausdauernd!
Irgendwann hatte ich den Bogen raus und wir fuhren eine gerade Linie. Ich war ganz rot vor Aufregung, ja ich konnte den Lenker halten! Da aber wurde meine Partnerin mit einem Mal schneller und schneller und als ich richtig in Fahrt war, ließ sie das Rad los. Ich war komplett überfordert, ich musste doch den Lenker halten, wie sollte ich dann - Tretn musste nu, immer schön treten, dann kann nüscht passieren!
Na prima, wie komm ich denn da ran an die Pedalen, Hilfe, schrie ich nur, aber sie unbeirrt, - na einfach die Füße runta nehmn - und ich sah vor mir schon den Heustrohhaufen immer größer werden. Da riss ich den Lenker ein Stück nacht links, so dass ich in großem Bogen das Hindernis umfuhr und geriet so in Panik, das Gleichgewicht zu verlieren, dass ich vom Sattel rutschte und mit einem meiner Füße auf der Pedale landete, und in Sekundenschnelle war auch der andere Fuß an der richtigen Stelle, und ich trat und trat in die Pedalen, ich trampelte um mein Leben, ich fuhr Runde um Runde um den Heustrohhaufen jubelnd, beglückt, rotgesichtig - es klappt, ich kann Fahrrad fahren, ja, es klappt! - und irgendwann wurde mir bewusst, dass ich Angst hatte langsamer zu werden, weil ich nicht wusste, wie man dieses Monstrum zum Stehen bekam.
Aber da war auf wundersame Weise meine Retterin zur Stelle, so und nu einfach langsamer werdn, keene Angst, ich fang dich uff. Das war nicht mehr nötig - als ich langsam genug war, bremste ich mit den Füßen am Boden und sprang einfach ab. Jetzt erst merkte ich, wie sehr mir die Knie zitterten, wie eingestaubt meine Sachen waren, welchen Durst ich hatte. Meine neue Freundin brachte mich zur Bank, dann verabschiedete sie sich von mir und den Bewohnern des Hofes.
Viel Zeit zum Tee trinken hatte ich nicht mehr, meine Großmutter war schon voller Sorge gewesen, denn der Bus fuhr nur wenige Minuten später wieder zurück in die Stadt. Mir war es vorgekommen wie ein Mückenschiss, so schnell war die Zeit vergangen.
Oma, ich kann jetzt Fahrrad fahren, sagte ich stolz, es ging einfach so, mit draufsetzen und losfahren. Sie lächelte mich an und da wusste ich, dass wir beide einen sehr schönen Nachmittag gehabt hatten.