Fachtexte und Meinungen zu speziellen Themen:

Über den Wert von Erinnerungen

Das Besondere am biografischen Schreiben in Gruppen

Es gibt die unterschiedlichsten Anlässe und Formen, sich mit der eigenen Biografie oder Familiengeschichte zu beschäftigen - die schön zurechtgemachte Fotosammlung als Geschenk für ein Jubiläum, hastig hingekritzelte Merksätze in einem Tagebuch, eine gebundene Ausgabe der Lebenserinnerungen - im stillen Kämmerlein zusammengetragen oder im Kreise von Freunden und Familienmitgliedern besprochen.

Als einzelner Autor bleibt man in den meisten Fällen auf sich selbst gestellt, wenn es darum geht, die eigene Erinnerungsfähigkeit an den Ansprüchen von (historischer) Wahrheit zu prüfen oder Blockaden und Selbstzweifel zu überwinden.
Über die Möglichkeit, in Gruppen zu schreiben und sowohl über den Prozess des Schreibens als auch über seine Inhalte zu diskutieren, ergibt sich eine Fülle von neuen Chancen, mit der eigenen Biografie (und der anderer) umzugehen:
Diese Form des Erinnerns bietet den Einzelnen den großen Vorteil, sich direkt am Ort des Schreibens mit anderen auszutauschen, den Schreibprozess gemeinsam mit anderen zu erleben und so eine Fülle an Inspirationen zu geben und zu nehmen.

Durch das angeleitete Schreiben, das Vermitteln von Handwerkszeug während der Schreibübungen und die Textbesprechungen wird das individuelle Sprachvermögen geschult.

Gleichzeitig gibt es gerade beim biografischen Austausch die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit anderen zu vergleichen, zu relativieren, in neue Zusammenhänge zu bringen.
Das alles kann beim Schreiben mit Einzelnen nicht geleistet werden. So lässt sich folgende Aussage des Autorenteams Gudjons, Pieper, Wagener über Biografiearbeit im Allgemeinen direkt auf die Arbeit mit biografischen Schreibgruppen übertragen:

  "Prinzipiell ist es natürlich möglich und sinnvoll, Übungen auch allein und für sich selbst durchzuführen. Eine solche Selbst-Erforschung wird aber nach einiger Zeit das Bedürfnis entwickeln, sich mit anderen auszutauschen, über Unverstandenes zu sprechen, sich Fragen stellen zu lassen, Unsicherheiten der eigenen Deutungen ins Gespräch einzubringen, Anregungen zur weiteren "Spurensuche" zu erhalten. Im Gruppenzusammenhang sind die Teilnehmer/innen Erzähler/innen, Datenproduzenten/innen und Interpretierende zugleich. Wenn es dabei passiert, dass einem/r Zuhörer/in angesichts der Erzählung einer Szene durch eine/n andere/n eine Einzelheit aus seiner/ihrer Kindheit einfällt und er/sie selbst ergänzend zu erzählen beginnt, so wird damit ein wesentliches Element gewonnen: das des Vergleichs, der Kontrastierung. Erfahrung kann gegen Erfahrung stehen; eigenes kann bestätigt oder konfrontiert werden mit der Notwendigkeit, Erklärungen und Verständnismöglichkeiten für das eigene Handeln zu suchen, weiter und genauer nachzuforschen und zu korrigieren. Dabei ist die Heterogenität einer Gruppe durchaus förderlich, vor allem wenn sie verschiedene Generationen umfasst."
(Gudjons, Herbert; Pieper, Marianne, Wagener, Birgit: Auf meinen Spuren. das Entdecken der eigenen Lebensgeschichte. Vorschläge und Übungen für pädagogische Arbeit und Selbsterfahrung. Hamburg, Bergmann+Helbig Verlag 1999, S.41)
 

Eine Besonderheit ist die angeleitete biografische Schreibarbeit in Gruppen, die mit TeilnehmerInnen möglichst unterschiedlicher sozialer, kultureller Herkunft und Alters arbeitet.
Ein Einblick in die Atmosphäre dieser Schreibgruppen vermittelt das Vorwort der zweiten Ausgabe des "Friedrichshainer Kaleidoskops der Erinnerungen":

  "... 'Es ist immer wieder erstaunlich, was ihr aus uns herauskitzelt!'... ‚Darüber hätte ich sonst nie geschrieben, weil es mir viel zu nahe geht. Aber jetzt geht es mir besser.'... ‚Ich wäre nie darauf gekommen, ausgerechnet darüber zu schreiben!' ...Tatsächlich wird mit aufgeschriebenen Erinnerungen ein Stück gelebtes Leben ‚abgelegt': vergangene Hoffnungen, Schmerzen und Freuden werden aufs Papier gebannt. Sie werden festgehalten und können aus Distanz betrachtet werden. ... ... Aufgeschriebene Erinnerungen werden zu einem Stück Zeitgeschichte, die dem eigenen Dasein so etwas wie Ewigkeit hinzufügen. Das eigene Erleben erhält einen neuen Wert, weil andere es miterleben dürfen. ... ... Genauso wichtig wie das Schreiben war der Austausch über die Erinnerungen, die in den Texten geschildert wurden. Er entwickelte sich zu einem spannenden Mix aus Zeiten, politischen und persönlichen Hintergründen. Ein Erlebnis, dem Vergessen entrissen, ist ein Stück Zeitgeschichte. Ist gelebter Alltag, der sich verorten lässt anhand der Sprache, der Fakten oder über Details. Die Generationen, zu denselben Themen befragt, erinnerten sich mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Je nach Alter wurden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, als Beginn einer neuen Epoche, als Abschluss oder eben nur als Mosaiksteinchen im große Weltgeschehen."
Girgensohn, Katrin; Jakob, Ramona (Hrsg.): Alles bleibt anders. Friedrichshainer Kaleidoskop der Erinnerungen II. Berlin, Zwiebelfisch-Verlag 2003; S. 8/9
 

Das schriftliche Reflektieren eigener Lebenssituationen spielt für jedes Alter eine Rolle. Besonders in Krisensituationen gibt es einen distanzierteren Blick auf die Situation, auf dem Papier lassen sich Lösungsmöglichkeiten durchspielen, ohne dass sie Schaden anrichten, ja das Aufschreiben selbst löst bereits einen Reflektionsprozess aus, der mitunter manches in einem andren Licht erscheinen lässt als wenn man die Situation einfach nur gedanklich immer wieder hin und her wälzt.

Biografisches Schreiben sollte als kulturelle Fähigkeit einer breiten Bevölkerungsschicht Einzug halten in die Alltagskultur, denn es bereichert unser Leben: Es baut Brücken zwischen Generationen und Kulturen, hilft in Krisensituationen.
Es schafft eine enorme innere Befriedigung für den Einzelnen, weil man aus sich selbst heraus neue Kraft schöpft, das eigene Selbst stärkt.
Es schafft soziale Bindungen, die häufig über die Gruppenarbeit hinaus wirken.

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