eigene Textbeispiele

Lyrik:

Prosa:

Nicos Insel

Nicos Insel ist weit. Nicos Insel ist eine Reise durch die Landschaft der Zeiten und Kulturen; eine Reise ins Innere der Seele. Nicos Insel ist ein Meer von hundertjährigen Bäumen - mitten im Wald eine Lichtung. Ist eine Wiese mit Glockenblumen und Rittersporn, ist ein Gestrüpp aus getrockneten Ästen und erdfeuchten Verwurzelungen. Erinnere dich. Nicos Insel ist der Ort, an dem Donner und Blitz den verträumten Himmel aufreißen und die Fluten des Wolkenbruchs alle Wirklichkeit tief in den Bauch der Erde spülen.
Erinnere dich. Ihr hattet diese große Lust auf Leben im Bauch und ward bereit, das Abenteuer eines Studentensommers mit allen Sinnen in euch aufzunehmen. Ihr hattet die Aufgabe, einen Graben zu ziehen. Einen Graben mitten durch die Wildnis, der dem Ort hinter dem Wald die Zivilisation bringen sollte.

Ein wenig abseits von der Gruppe ward ihr gerade dabei, die Wurzeln eines Baumes zu durchbrechen. Nicos und deine Hände. Nico. Das einzige, was du wusstest, war sein Name. Sprachengewirr, das sich zu einer leisen Melodie verwob.
Wo waren die anderen hin? Es war plötzlich so still und nur die Erde ächzte unter Spatenhieben. Sie war nicht einverstanden geteilt zu werden.
Blasenhände, verschwitzte Leiber, bloß nicht aufsehen, nicht in seine Augen und keine Schwäche zeigen. Bis jenes Unwetter dem grummelnden Boden zu Hilfe kam.
Wohin fliehen, inmitten dieser hereinbrechenden Naturgewalt? Über die entwurzelten Bäume seid ihr gerannt, hin zum nahen Geäst. Kniehoch bot es mit seinem Laub eine enge Höhle. So ward ihr, zufällig aneinandergeraten, verkettet mit dem schützenden Strauch, eure Körper dicht aneinandergeflüchtet.
Als der Regenguss aufhörte, gelang es euch nicht mehr, diese Bindung zu lösen. Wie sich die Füße im Boden verwuchsen, die Arme sich ausstreckten, als wollten sie Blätter austreiben. Ein Vogel saß auf deiner Schulter, knabberte verwegen am Ohr. Nico fing an zu singen, da hast du seine Worte verstanden. Deine Füße lösten sich mit jedem Ton mehr, und bald ward ihr nur noch ein einziger wilder Tanz. Der stieß den Duft von Olivenhainen und Zitronenbäumen aus, das Rauschen des Meeres, und warf euch an seine Ufer.
Fortan seid ihr jeden Tag zu dieser Lichtung im Wald gelaufen, die inzwischen nicht mehr von Spitzhacken und Schaufeln heimgesucht wurde. Es waren die Momente, in denen der Wald, die Wiesen, die Lichtung nur euch gehörten. Es waren die Momente von Nacktheit, in denen die äußeren Häute bestenfalls zur Tarnung vor dem Festland dienen konnten.

Geblieben sind nach all den Jahren ein paar vergilbte Fotos. Und der raue Klang seiner Stimme. Ein Stück seiner Seele ist mit dir gegangen, lebt fort und lässt dich immer noch tanzen. Im Strandgut des Alltags finden sich seine Lieder. Die tragen dich über die Weiten schwarzer Seelenlöcher. Dann wird es Zeit, neu aufzubrechen.