Fachtexte und Meinungen zu speziellen Themen:

Das Besondere am biografischen Schreiben in Gruppen

Über den Wert von Erinnerungen

Erinnerungen sind zusammengewürfelte, unreale reale Bruchstücke gelebter Wirklichkeit.
Sie sind nie vollständig und chronologisch im Gedächtnis abgespeichert.
Erinnerungen liegen irgendwo im Gedächtnis verteilt, ein ungeordnetes Bündel von Mosaiksteinchen, überlagert von anderen wichtigen und unwichtigen Ereignissen, Gerüchen, Bildern, Gefühlen. Einmal hervorgekramt, wird man immer nur einen Teil von ihnen auffinden. Und selbst wenn sie - Stück für Stück hervorgelockt - in mühevoller Arbeit zusammengesetzt werden, muss immer noch an ihrem Wahrheitsgehalt gezweifelt werden. Denn was ist die Wahrheit?

Der Erinnerung ist nicht zu trauen. Sie wird im Laufe des Lebens hundertmal umbewertet, verschönert, verdeckt, mitunter sogar gefälscht, zurechtgerückt, in Schablonen gepresst, poesievoll ausgemalt.
Zweifeln ist eines der wichtigsten Instrumente in der Erinnerungsarbeit, der Zweifel als engster Partner des Vertrauens in das eigene Gedächtnis.

Der Erinnerung muss man trauen, sie ist die individuelle Hinterlassenschaft eines jeden an die Welt, sein Blick in die Wirklichkeit, den kein anderer so hat. Zusammengefügt mit anderen Aus- und Einblicken können sie ein Gesamtbild der Realität ergeben, lebendig, traurig, schön, voller Erfahrungen, ein Blick in die Zeiten, wie sie kein Geschichtsbuch zu vermitteln mag.
Jede Erinnerung enthält neben all ihren privaten Anteilen gesellschaftliche Bezüge. Diese werden sichtbar in äußerlichen Beschreibungen sozialer Gegebenheiten; mitunter auch in ihren moralischen und ideologischen Bewertungen, mit denen der Erzähler agiert.

  "Biographie ist keine ahistorische/ungesellschaftliche ‚Privatsache', vielmehr werden Erfahrungen in konkreten geschichtlichen und gesellschaftlichen Bezügen erworben. In der Lebensgeschichte des einzelnen Menschen spiegeln sich die historischen / gesellschaftlichen / kulturellen und familialen Bedingungen, vor deren Hintergrund sich die biographischen Erfahrungen aufgeschichtet haben." (Gudjons, Pieper, Wagener 1996, 16) Dieser differenzierende Blick (indem Vertrauen in das eigene Gedächtnis und der Zweifel daran in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden) ermöglicht es, das eigene Leben besser zu verstehen und Handlungsstrategien für die Zukunft zu entwerfen: "Durch das Verstehen kann ein Annehmen /ein Versöhnen mit der eigenen Geschichte oder bestimmten Anteilen der Persönlichkeit gelingen. Darin liegt das Potential zur Weiterentwicklung, zum persönlichen Wachstum, zur Entfaltung der Persönlichkeit. Das Akzeptieren und das Begreifen der eigenen lebensgeschichtlichen Gewordenheit lässt eine empathische (einfühlsam-verstehende) Haltung zu sich selbst entstehen und setzt Kräfte frei, um sich für neue Fähigkeiten zu entdecken und konkrete Möglichkeiten und Handlungsperspektiven zu entwickeln." (Gudjons, Herbert; Pieper, Marianne, Wagener, Birgit: Auf meinen Spuren. das Entdecken der eigenen Lebensgeschichte. Vorschläge und Übungen für pädagogische Arbeit und Selbsterfahrung. Hamburg, Bergmann+Helbig Verlag 1999, S.11)  

Im Gegensatz zum mündlichen Erinnern bietet das Niederschreiben eigener biografischer Sequenzen den großen Vorteil, etwas konkret fest zu halten.
Wir nehmen der Erinnerung die Möglichkeit, gleich wieder zu entfliehen, machen sie überprüfbarer, können sie anhand später hinzugetretener Erkenntnisse korrigieren und anderen Erinnerungen entgegensetzen. Das bietet die unschätzbare Chance, mit ihnen zu arbeiten, das eigene Erleben zu relativieren, evt. auch Konflikte aufzuarbeiten.
Erlebtes kann in Erfahrungen umgewandelt, neue Potentiale können entdeckt und entwickelt werden. Besonders deutlich wird diese Intention beim Führen eines Tagebuches wahrgenommen, wie es Rüdiger Görner beschreibt:

 

"Wer Tagebuch schreibt, möchte dem Flugsand der Zeit etwas Greifbares abgewinnen. Und mehr noch: Ein Tagebuch führt, wer sich dereinst erinnern will." Und weiter: "Der kritisch-reflektierende Umgang mit sich selbst, die lebenslange Antwortsuche auf die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit finden im Tagebuch eine günstige Sphäre. Auf diese Weise kann das Tagebuch einen wichtigen, geradezu entwicklungspsychologischen Beitrag zur Persönlichkeitsbildung leisten."
Görner, Rüdiger: Das Tagebuch. München und Zürich Artemis Verlag 1986; S. 12 u. S. 23

 

Allerdings ist das Tagebuchschreiben nur ein geringer Teil dessen, was an biografischen Texten verfasst wird. Günter Waldmann setzt sich z.B. sehr intensiv mit literarischen biografischen Texten auseinander und beschreibt dabei die verschiedensten Prosaformen sowohl in "konventionellen Autobiografien" als auch in fiktionalen Erzählweisen (Waldmann, Günter: Autobiografisches als literarisches Schreiben. Schneider Verlag Hohengehren gmbH, 2000).

In Schreibgruppen werden die vielfältigsten Schreibformen angewandt. So umfassen biografische Texte m.E. alles, was persönlich erlebte Gefühle, Situationen, Entwicklungen und Beobachtungen schriftlich fixiert. Es beinhaltet sowohl bewusst aufgenommene Erfahrungen als auch unbewusste Gedanken, die sich in Symbolen, sprachlichen Bildern etc. widerspiegeln. Das können Tagebücher oder konkrete Lebensberichte, aber auch biografische Anteile in fiktionalen Geschichten bzw. lyrischen Metaphern sein.

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